Ottendorf-Okrilla befindet sich an zwei wichtigen alten Handelswegen: der Salzstraße und der Glasstraße, die Mitteldeutschland mit Böhmen verbanden. 1865 bekam die sächsische Gemeinde eine erste eigene Glashütte und eine Möbeltischlerei. Es folgten 1893 die Glasraffinerie Grohmann und 1898 die Glashütte Brockwitz. Einen Bahnanschluss hatte der Ort ab 1884. Das erste Gaswerk lieferte ab 1909 Gas für die Straßenbeleuchtung im öffentlichen Raum.
Am 4. März 1959 stürzte unweit von Ottendorf-Okrilla das für den Passagierverkehr vorgesehene Strahlflugzeug Baade 152/V1 ab. Die Maschine war zuvor in Dresden-Klotzsche gestartet.
Glasfabrik August Walther & Söhne Ottendorf-Okrilla, später VEB, dann GmbH (1865-1992)
1865 begann die Geschichte der Glasfabrik August Walther & Söhne Ottendorf-Okrilla. Noch heute ist das Internet voll von Gläsern und Vasen, die einst in dieser Glasfabrik oder ihren Nachfolgern hergestellt wurden. 1886 fusionierte das Unternehmen mit der 1879 in Radeburg gegründeten Vereinigte Radeburger Glashütten AG Dresden. Man nannte sich nun Sächsische Glasfabrik August Walther & Söhne. 1897 siegelte der Glashersteller seine Produkte mit der Gussmarke S & G in einer Königskrone. In den 1930er Jahren stellte die Firma unter dem Markennamen "Oralit" Konsumgüter aus Achat- bzw. Mamorglas her. Die Produktidee kam seinerzeit aus England, wo die Firma George Davidson & Co. in Gateshead entsprechende Glaswaren produzierte. 1940 erfolgte die Umbenennung der Sächsischen Glasfabrik August Walther & Söhne in Sachsenglas AG Ottendorf-Okrilla. 1944 schloss man die Fabrik in Radeburg.
Nach der Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes 1945 und mit dem Ende des Kapitalismus sowie der Einführung des Sozialismus kam die Aktiengesellschaft unter staatliche Kontrolle und erfuhr 1948 die Umwandlung in den volkseigenen Betrieb VEB Sachsenglas Ottendorf. 1979 erfolgte dann die Eingliederung des Betriebs als Betriebsteil III in den VEB Sachsenglas Schwepnitz.
Die alte Glasfabrik fertigte Press-, Hohl-, Zylinder- und Medizinglas, in der DDR konzentrierte man sich indes auf die Pressglasherstellung. Die DDR produzierte hier Gläser für Hotels und Gaststätten sowie für Kaufhäuser und Basare zum Verkauf für den Heimbedarf. Das Werk zählte Kunden in mehr als 40 Ländern. Im Juni 1990 kam es im Zuge des deutschen Eingungsprozesses zur Reprivatisierung. Nur zwei Jahre später ereilte das Unternehmen das Schicksal vieler ostdeutscher Betriebe: Liquidation.
VEB Presswerk Ottendorf-Okrilla (ab 1949, "Plasta", Abriss 2022 bis 2023)
Wo bis 2022/2023 das Presswerk stand, fertigte man bis 1949 Bremsbeläge, dann begann die Herstellung von Kunststoffprodukten ("Plaste", wie man in der DDR sagte). Man fertigte Behälter für Reinigungs- und Pflegemittel sowie technische Kleinteile und Pharmazeutika. Die Produktion wuchs ständig, so dass das Werk schließlich auch baulich erweitert wurde.
Der Industriestandort hat eine wechselvolle Geschichte. Sie begann mit dem Glashüttenwerke Heinrich Plötz & Co. Im Ersten Weltkrieg übernahm die Glasfabrik AG aus Brockwitz das Gelände, deren Ende mit der Weltwirtschaftskrise 1929 besiegelt war. Es folgte die Emero Bremsbelag GmbH, die wie die meisten anderen bedeutenden Unternehmen während des NS-Regimes zum Zulieferer der Rüstungsindustrie wurde. Das bescherte dem Unternehmen nach dem Kriegsende 1945 die Demontage durch die Sowjets.
1949 setzte der VEB Presswerk Ottendorf-Okrilla die Industriegeschichte fort. Nach etlichen Erweiterungen der Produktion und dem Ausbau des Betriebs im Sinne des Sozialismus, zum Beispiel durch die Eröffnung eines Betriebskindergartens 1963, vollzogen die staatlichen Planer 1970 die Neuorganisation als Kombinat VEB Preßwerk Ottendorf-Okrilla mit weiteren Betrieben in Schmölln, Wilthen, Sohland und Großdrubau zum größten Plasthersteller der DDR. Zu den besonderen Bauten gehörte schließlich der 1965 unter dem Werk errichtete Luftschutzbunker.
1990 erfolgte die Reprivatisierung und die Übernahme durch westdeutsche Investoren. Nun firmierte man als Kunststofftechnik. Mit der Verlagerung der Kunststofftechnik Sachsen GmbH und Co. KG (KTSN) 2004 nach Pirna kam das Ende des Werks in Ottendorf-Okrilla. Es folgten etliche Jahre des Leerstands und Verfalls bis 2022 die Abrissbagger anrollten. 2023 war das Gelände baufrei. Die Neubebauung der Brache mit einem Einzelhandelsmarkt und einem Drogeriemarkt schloss sich an den Abriss an.
Betriebe in der DDR
VEB Betonwerke Dresden, Betriebsteil Ottendorf-Okrilla
VEB Heideköhlerei
VEB Kieswerk Ottendorf-Okrilla
VEB Möbelfabrik Ottendorf-Okrilla
VEB Preßwerk Ottendorf-Okrilla
VEB Sachsenglas Ottendorf, Ottendorf-Okrilla (ab 1953 VVB Glasindustrie Weißwasser, ab 1956 Hauptverwaltung Glas Dresden, ab 1969 VVB Glasindustrie Weißwasser, VEB Glaswerk Schwepnitz)
VEB Steinmetzmühle und Backhaus
Wirtschaft und Leben in Ottendorf-Okrilla vor 1945
Franz Grohmann & Söhne Glasraffinerie (Spezialitäten: Bier-, Wein- und Likörservice, Becher, Vasen, Montage- und Reklame-Artikel)
Glashütte Brockwitz
Julius Werthschütz AG Möbelfabrik und Sägewerk Ottendorf-Okrilla (seit 1878, Küchen, Schlafzimmer, Speisezimmer, Tochterzimmer)
Köhlerei in Moritzdorf
Maschinenfabrik Laube Zweigwerk Ottendorf-Okrilla-Süd (Kurt und Rudolf Laube)
Ottendorfer Zeitung
Sächsische Glasfabrik August Walther & Söhne (gegr. 1865, Pressglaswerke August Walther & Söhne AG, Sachsenglas AG)
Sachsensglas Aktiengesellschaft
Steinmetzmühle & Backhaus Kurt Hoyer KG
Quellen
archiv.sachsen.de
geocouch.de
picclick.de
presswerk-ottendorf.de
steinmarks.co.uk