Löbejün (Sachsen-Anhalt)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Fotos ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 26.07.2021

Löbejün ist eine kleine, bergige Stadt unweit des Petersbergs bei Halle an der Saale. Der Ort hatte einen Bahnhof an der 1900 übergebenen und inzwischen fast komplett stillgelegten Bahnstrecke Nauendorf–Gerlebogk. Im Einzugsgebiet von Löbejün befinden sich die abbauwürdigen Gesteine Rhyolith (Porphyr, vulkanisches Gestein) und Kalkstein. Die sichtbarsten Relikte des für die Stadt bedeutsamen Bergbaus sind einige aufgelassene Steinbrüche, die heute von Kletter- und Tauchsportlern genutzt werden. An den Steilwänden klettern Mitglieder des Deutschen Alpenvereins (DAV). Die Seen bieten Tauchern gute Unterwassersicht, Begegnungen mit großen Fischen wie Stör, Hecht, Karpfen und Wels und Industrie-Artefakte, darunter Gleisanlagen, ein Pumpenhaus und Kipploren. Überregional bekannt ist die Stadt wegen Carl Loewe (1796-1869), mit etwa 500 vertonten Balladen Deutschlands Balladenkönig und Komponist von Stücken wie "Die Uhr" und "Der Erlkönig".

HO Technik

HO-Laden Technik im Stadtzentrum von Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021 HO-Laden Technik im Stadtzentrum von Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021 HO-Laden Technik im Stadtzentrum von Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021

Die Handelsorganisation (HO) war in der DDR neben der Konsumgenossenschaft die größte Handelsorganisation. Sie war praktisch in jeder Stadt der sozialistischen Republik vertreten, darunter auch in Löbejün. Zu sehen ist das Beispiel eines Technikladens der HO. Wer weiß mehr über dieses Objekt? Bitte schreiben Sie mit Hilfe des Formulars.

Der 15. November 1948 war der Gründungstag der HO. Ziel war die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung ohne die nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) noch lange geltenden Bezugsscheine.

Dampfzylinder der ersten deutschen Dampfmaschine

Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021

In Löbejün steht ein Dampfzylinder, gebaut nach englischem Vorbild, 1788 in Betrieb genommen als Teil der seit 1785 auf dem König-Friedrich-Schacht bei Hettstedt im Mansfeldischen arbeitenden, ersten deutschen Dampfmaschine auf dem europäischen Festland. Friedrich der Große, König von Preußen, hatte den Bau der "Feuermaschine" veranlasst. Die Dampfmaschine pumpte Wasser und ermöglichte den Bergleuten der Region so, tiefer zu den Rohstofflagerstätten von Kupfererz und Steinkohle in der Erde vorzudringen und sicherer dort zu arbeiten. Von 1795 bis zum Revolutionsjahr 1848 arbeitete der Zylinder dann im Hoffnungsschacht bei Löbejün, second hand sozusagen.

Zum Denkmal für den Dampfzylinder gehören zwei Tafeln: auf der einen ist die komplette Dampfmaschine abgebildet kann, auf der anderen stehen die historischen Fakten zum Einsatz des Zylinders samt der Aufschrift "Aufgestellt im Jahre 1925". Auf dem Zylinder steht: "Gegossen Penydarron Furnace Glamorganshire Sud Wallis dunch Jere Homfray & Co 1788." Die Aufschriften irritieren, da sie offenbar einige Fehler enthalten. Gemeint sind die Pennydarren Ironworks, erbaut 1784 von Samuel, Jeremiah und Thomas Homfray zwischen Merthyr Tydfil und Dowlais in Südwales. 1784 war das Eisenwerk als viertes Eisenwerk der Region errichtet worden. Francis Homfray leitete seine drei Söhne an. Unterstützung bekamen die Unternehmer von Investor George Forman und dem späteren Geschäftspartner Alderman Thompson. Furnace ist das englische Wort für Ofen oder Hochofen. Glamorganshire ist eine Grafschaft in Wales. "Dunch" soll wahrscheinlich "durch" heißen.

Eine weitere Ungereimtheit gibt zu denken. Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Löbejün steht, dass der Zylinder erst 1934 aufgestellt worden sei. Doch ist es glaubhaft, dass ein solch exklusiver Beweis deutscher Ingenieurskunst zur NS-Zeit mit dem Signum der bei den Nazis verhassten Weimarer Republik aufgestellt wird?

weitere Informationen zur Dampfmaschine
erste deutsche Dampfmaschine
Konstrukteur der Dampfmaschine
Link zu den Wurzeln der Dampfmaschine in Wales

Bergbau in Löbejün

Bergbau-Relikte in Loebejuen bei Halle Saale - gigantische Felslandschaften des Porphyr-Bergbaus, Foto: Martin Schramme, 2021 Grand Canyon von Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021

In Plötz einige Kilometer östlich von Löbejün und nördlich vom Petersberg befindet sich ein altes Steinkohle-Revier. Die Halde ist weithin sichtbar und steht unter Denkmalschutz. Die Grube ist die bedeutendste Steinkohlegrube der Region. Von 1851 bis 1967 holten die Kohlekumpel hier geschätzte vier Millionen Tonnen Kohle aus der Erde, obgleich das Flöz nur bis etwa 4 Meter mächtig war. Im Nahraum Löbejüns gab es außerdem den Martinschacht, den Hoffnungschacht sowie die Schächte "Neuglück" und "Eckardt". Historische Quellen berichten auch von der Carl-Moritz-Grube, die aber vermutlich Plötz zuzurechnen ist. Die Kohle aus dem Martinschacht wurde als Sinterkohle bezeichnet, die sich für die Kesselfeuerung in Zuckerfabriken und zur Verwendung in Privathaushalten eignete. Sinterkohle ist schwarz und sehr kohlenstoffreich. Beim Abbau war die Gefahr des Kohlenbrands zu beachten.

Bekannter ist Löbejün für den Phorphyr-Steinbruch, weil er nicht nur aktiv und weithin sichtbar ist, sondern in seinen alten, stillgelegten Teilen atemberaubende Landschaften bietet für Alpinisten, Tauchen und Wanderer. Kletterer des Deutschen Alpenvereins versuchen sich an steilen Felsen und Taucher erkunden im glasklaren Wasser der Kessel 1 bis 3 die faszinierende Unterwasserwelt und in Kessel 3 die Artefakte der Bergbau-Geschichte Löbejüns. Unter Wasser stößt man auf eine Feldbahn mit Loren, Gleisen und Drehscheibe. Zu finden ist auch ein Pumpenhaus.

Die Porphyrlagerstätte beißt, wie der Bergmann sagt, auf eine Fläche von 5 Quadratkilometer aus und ist bis zu 800 Meter mächtig. Sie ist Teil des Halleschen Vulkanitkomplexes, dessen Alter auf rund 300 Millionen Jahre geschätzt wird. Es handelt sich um so genannte subvulkanische Intrusionen, also bereits kurz unter der Erdoberfläche erkaltendes Magma. Heute sind diese Relikte aus dem Rotliegenden in Form von Kuppen sichtbar. Die bekanntesten Kuppen sind der Petersberg, die Galgenberge, die Lunzberge, die Brachwitzer Alpen und die Wettiner Berg.

Hoffnungsschacht Löbejün

Tauchen in den alten Steinbrüchen von Löbejün

Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Löbejün

Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021

1879 entstand die Freiwillige Feuerwehr Löbejün als erste Freiwillige Feuerwehr im historischen Saalkreis. Markante Artefakte dieser Institution sind bis heute das Gerätehaus und der Schlauchturm.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass über viele Jahrhunderte immer wiederkehrende, verheerende Brände ganze Städte vernichten konnten. Spätens mit der Industrialisierung war es akut, den Brandschutz endlich systematisch und flächendeckend anzugehen, denn immer mehr Menschen konzentrierten sich auf engem Raum und waren einer ständigen Gefahr ausgesetzt, weil im Grunde alle modernen Industrien mit Feuer (z.B. Dampfmaschine), feuergefährlichen Stoffen, Medien (Elektrizität) und Technologien (z.B. Kohlen- und Mehlstaub) umgingen. So etablierten sich neben den schon etwas länger bestehenden Berufsfeuerwehren auch Freiwillige Feuerwehren.

Schützenhaus / Volkshaus Löbejün

Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021

1852 als Schützenhaus errichtet diente das Gebäudeensemble später als Volkshaus. Auf alten Bildern ist das Haus mit der Aufschrift "Etablissement Schützenhaus" zu sehen. Ab 1925 gab es ein Kino, die Metropol-Lichtspiele, im Haus. Das Lichtspieltheater hatte in den Folgejahren bis zu 350 Sitzplätze. Noch 1983 war das Kino zu finden. Angepasst an die politischen Verhältnisse im sozialistischen Staat DDR handelte es sich nun um die Erich-Weinert-Lichtspiele.

2008 plante der damalige Bürgermeister Thomas Madl, das seit Jahren leerstehende Anwesen zur Grundschule auszubauen. 2021 stand das denkmalgeschützte Objekt noch immer leer, verfiel und verschwand teilweise hinter großen Transparenten der Carl-Loewe-Festtage 2021.

Handwerkskunst von 1600

Fachwerkhaus mit Jahreszahl 1600, Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021

Wer weiß, was die Buchstaben jcf und loc über der Tür dieses Hauses von 1600 bedeuten? Bitte schreiben Sie hier!

Bürgerhaus

ruinoeses Buergerhaus in Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021 ruinoeses Buergerhaus in Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021 ruinoeses Buergerhaus in Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021 ruinoeses Buergerhaus in Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021 ruinoeses Buergerhaus in Loebejuen, Foto: Martin Schramme, 2021

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Schule mit Gedenkstein

Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021 Foto: Martin Schramme, 2021

2009 beschloss die Verwaltung, das Gebäude der ehemaligen POS "Friedrich Röber" in der Schillerstraße wegen stark gesunkener Schülerzahlen aufzugeben. Im Sommer 2021 war das ehemalige Schulareal weitgehend zugewuchert, aber der Gedenkstein von DDR-Bildhauer Roland Wetzel anno 1982 war überragte noch das Grün. Auf den vier Ecken des Gedenksteins zwischen den Figuren stehen die Zeilen des Gedichts "Gegen Verführung" von Bertolt Brecht (1898-1956):

Lasst euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen;
Ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

Lasst euch nicht betrügen
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen
Wenn ihr es lassen müsst!

Lasst euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Lasst Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

Lasst euch nicht verführen
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren
Und es kommt nichts hinterher.

Fachwerkhaus

Fachwerk Sanierung, Foto: Martin Schramme, 2021 Fachwerk Sanierung, Foto: Martin Schramme, 2021 Fachwerk Sanierung, Foto: Martin Schramme, 2021

Die Stadt Löbejün ist nicht zuletzt wegen seiner zahlreichen historischen Bauwerken sehr reizvoll. Auch nach vielen Jahren intensiver Restaurierungs- und Sanierungsaktivitäten sind einige dieser Objekte noch nicht wiederhergestellt. Dazu gehören auch Teile dieses bemerkenswerten Ensembles, das zu einer alten Hofanlage gehört.

Betriebe in der DDR (1949-1990)
VEB Zuckerfabrik Löbejün (Wallwitz-Löbejün, VEB Zuckerkombinat Halle, Betriebsteil Zuckerfabrik Löbejün)

Wirtschaft in Löbejün vor 1945
Martinschacht
W. Steinkopfs Kalkofen
Zuckerfabrik Gottgau (Gründer Dr. Paul Brumme)

Löbejün im Brockhaus-Lexikon von 1894
Stadt im Saalkreis nahe der Fuhne; Post, Telegraph, eine Zuckerfabrik und in der Nähe Steinkohlenlager und Porphyrbrüche.

Quellen
geocaching.com
"Geschichte, Statistik und Technik der Steinkohlen: Deutschlands und anderer ..." von H. Fleck, E. Hartig
museum-digital.org
ol.wittich.de
peter-hug.ch/lexikon/sinterkohle
picclick.de
stadt-wettin-loebejuen.de
"Über mitteldeutsche Steinkohlenlagerstätten und die Aufbereitung der Kohle" von Helmut Müller

Links
Heimatverein Löbejün
Internationale Carl Loewe Gesellschaft

 

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